In Berlin gibt es unzählige Straßen, Orte und Plätze um der Street Photography nachzugehen. Das liegt zum einen an der schieren Größe Berlins, zum anderen an der Geschichte der ehemals geteilten Stadt und letztlich an der unglaublichen Dynamik, die Berlin noch immer auszeichnet.

Ich konzentriere mich an dieser Stelle auf Fotospots, die ich für besonders relevant und interessant halte, betone aber, dass meine Beschreibungen und Beobachtungen nicht abschließend sind. Ferner zeige ich noch einige No-Go Areas auf, also Orte an denen ihr auf keinen Fall fotografieren solltet.

Die City West

Als Berlin noch eine geteilte Stadt war, lag das Zentrum West-Berlins in der sog. City West. Etwas vereinfacht gesagt, umfasst die City West rund um den Kurfürstendamm die Stadtteile Charlottenburg, Wilmersdorf, Tiergarten und Schöneberg. Diesen Teil Berlins zeichnet ein ganz besonderer Charme aus, denn ihr findet hier ikonische Orte, große Boulevards, sanierte Altbauten, schräge Gestalten und schmuddelige Plätze. Um einen ersten Eindruck zu bekommen, könnt ihr euch hier eine Fotoserie über die City West ansehen.

Beste Tour:

Als Ausgangspunkt für eine City West Tour bietet sich der Bahnhof Zoo an. Hier verkehren heutzutage zwar nur noch Regionalzüge sowie S- und U-Bahnen. Trotzdem ist die Gegend rund um den Bahnhof ein spanender Ort.

Hier gibt es einerseits Wahrzeichen der Stadt zu bewundern (Mercedes Stern, Gedächniskirche), andererseits auch viel Leid und Elend durch die Trinker- und Obdachlosenszene zu beobachten. Auch architektonisch hat die Bahnhofsgegend einiges zu bieten, so lassen sich beispielsweise das Huthmacher-Haus und andere Gebäude als Hintergrund in die Streetfotos einbauen. Im Ergebnis erweitert ihr eure Fotos um eine zweite Bildebene.

Berlin Strassenfotografie
Die Kantstraße in Charlottenburg hat viel zu bieten. Neben vielen Restaurants, sind hier auch etliche Clubs beheimatet.

Nachdem ihr die Bahnhofsgegend ausgiebig erkundet habt, empfiehlt sich ein Sparziergang entlang der Kantstraße – hier gibt es unzählige Restaurants, Cafés und Musikclubs. Durch den regen Personen- und Autoverkehr, entstehen immer wieder spannende Momente für Straßenfotografie. Ihr solltet die Kantstraße mindestens bis zum Savinyplatz entlanglaufen und dort in die Bleibtreustraße einbiegen. Hier findet ihr das, was Charlottenburg ausmacht: saubere Straßen, kleine Boutiquen und unzählige Restaurants jeglicher Art.

Ende der City West Tour.

Alternativtour (Teaser):

Wenn ihr noch eine andere Facette der City West kennenlernen wollt, solltet ihr euch zum Nollendorfplatz durchschlagen (U-Bahnlinie U2 und U3). Die Gegend rund um den „Nolle“ ist der alte Partykiez der City West. Hier geht es noch immer recht munter zu. Es gibt eine große Queerszene und viel Leben auf der Straße. Unweit hiervon, findet ihr im Ortsteil Tiergarten in der Kurfürstenstraße einen der letzten Straßenstriche Berlins.

Galerietipp City West:

CO- Berlin (Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin): Hier werden häufig Fotoausstellungen renommierter Künstler gezeigt.

Kommunale Galerie Berlin (Hohenzollerndamm 176, 10713 Berlin): Ein Kunstforum für alle Sparten der Kunst der Gegenwart. Hier wird auch viel Fotografie gezeigt.

Kreuzberg

Das Herz von Kreuzberg schlägt rund um das Kottbusser Tor. Oder doch am Paul-Linke-Ufer? Oder ganz wo anders? Schwer zu sagen, Kreuzberg hat circa 150.000 Einwohner- das verdeutlicht die Dimensionen dieses Ortsteils. Viele Teile Kreuzbergs sind bzw. wurden von türkischen Migranten geprägt, andere Gegenden von Kreuzberg sind alternativ, hip und/ oder chic. Zumeist findet ihr eine Mischung aus allem vor. Das macht Kreuzberg so reizvoll.
Vermutlich könnte man sein gesamtes fotografisches Dasein in Kreuzberg verbringen ohne dass es langweilig wird.

Beste Tour:

Berühmt berüchtigt ist die Gegend rund um den „Kotti“. Sobald man die U-Bahn an der Station Kottbusser Tor (Linien U 1 und U 3) verlässt, prasseln viele Eindrücke auf einen ein. Wuseliges Treiben auf den Straßen, verstörende Architektur, eine hochgelegte U-Bahn und natürlich diverse Cafés, Kneipen und Restaurants.

Zunächst solltet ihr einmal um den Platz laufen und versuchen die Architektur und das Leben auf der Straße miteinander zu verweben. Wer hier kein gutes Straßenfoto mitnimmt, macht was falsch. Im Anschluss daran, rate ich dazu in die Adalbertstraße einzubiegen. Hier und in den Nebenstraßen geht es ebenso munter zu, wie direkt am Kotti. Im Lezzet Grill wurde übrigens eine Szene der Netflixserie Bad Banks gedreht. Der Döner schmeckt hier übrigens auch hervorragend, so dass nicht nur Cineasten auf ihre Kosten kommen.

Berlin Strassenfotografie
Bereits am U-Bahnhof Kottbusser Tor finden sich interessante Motive für Streetfotos.

Zurück am Kotti solltet ihr die Kottbusser Straße entlanglaufen, bis ihr den Landwehrkanal erreicht. Willkommen am Paul- Lincke- Ufer. Hier ist das Publikum etwas gemischter und als anders als am Kotti, gibt es hier viel Grün und natürlich viel Wasser.
Die Gegend rund um den Landwehrkanal gilt als eine der beliebtesten Berlins. Besonders an den Wochenenden treffen sich hier viele Berliner, um zu schlendern, skaten oder einfach nur abzuhängen.

Auf der anderen Seite des Landwehrkanals befindet sich das Maybachufer. Wenn ihr beispielsweise die Hobrechtbrücke überquert seid ihr mittendrin in Neukölln und könntet eigentlich gleich die nächste Fototour starten, denn auch hier gibt es viel zu entdecken.
Solltet ihr in Kreuzberg bleiben wollen, rate ich dazu am Paul-Lincke Ufer rechts abzubiegen. Nach einer Weile kommt ihr zur Admiralsbrücke. Ein Treffpunkt zum ungezwungenen abhängen, vor allem in den Abendstunden. Hier treffen sich sowohl Berliner, als auch Touristen um Bier zu trinken und Musik zu hören. Einigen Anwohnern ist das schon zu viel geworden, so dass es immer wieder Beschwerden gibt. Seit kurzer Zeit sorgen Polizei und Ordnungsamt ab 22:00 Uhr für Ruhe.

Wenn ich etwas weiter lauft kommt ihr zum Böcklerpark. Hier befindet sich auch ein Skaterpark, auf dem ihr tolle Tricks bestaunen könnt.

Ende der Kreuzberg Tour.

Galerietipp Kreuzberg:

Berlinische Galerie (Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin): Die fotografische Sammlung zählt mit rund 73.000 Fotografien zu einer der bedeutendsten Deutschlands.

Friedrichshain

Das ehemaliger Arbeiterviertel Friedrichshain ist inzwischen eines der coolsten Viertel Berlins. Ich wohne seit vielen Jahren hier und es fühlt sich aus vielen Gründen an, als wohne man im Zentrum der Stadt. Das hat sich natürlich herumgesprochen und an vielen Stellen ist der Bogen inzwischen überspannt und Touris bevölkern ganze Straßenzüge (Simon- Dach Straße, um nur ein Beispiel zu nennen). Ungeachtet dessen hat Friedrichshain viel zu bieten. Es verhält sich wie mit Kreuzberg: Street Photography geht hier (fast) überall, aber ich kann an dieser Stelle lediglich einen kleinen Ausschnitt der Möglichkeiten präsentieren.

Beste Tour:

Die Fototour direkt am Frankfurter Tor zu starten ist aus mehreren Gründen eine gute Idee. Das Frankfurter Tor befindet sich im Herzen von Friedrichhain und ist Teil der Achse Frankfurter Allee/ Karl-Marx-Allee. Der 90 Meter breite Boulevard ist das ehemalige Prunkstück von Ost- Berlin. Noch heute ist die Allee mit ihren vielen Türmen, Säulen und monumental Bauten äußerst beeindruckend. Von dem Mittelstreifen ist der Blick Richtung Osten besonders imposant, da man in der Ferne den Alexanderplatz und Fernsehturm ausmachen kann. Ferner stehen auf der Höhe der Karl-Marx-Allee bekannte Gebäude wie das Kino International und das Café Moskau.

Das Frankfurter Tor grenzt auf der einen Seite an das hippe Samariterviertel auf der anderen Seite an den Simon Dach Kiez. Direkt am Frankfurter Tor stehen auch die berühmten Turmhochhäuser, die wie künstliche Stadttore wirken.

In der Gegend um das Frankfurter Tor sind viele Clubs und Bars angesiedelt, entsprechend munter ist die Gegend. Es empfiehlt sich also den Platz ausgiebig zu erkunden und einige Runden zu drehen sowie die Frankfurter Alle bzw. die Karl-Marx-Allee hoch und runterzulaufen.

Im Anschluss daran, solltet ihr in die Warschauer Straße einbiegen. Diese führt direkt zur Oberbaumbrücke, wo Friedrichshain und Kreuzberg aufeinandertreffen. Auf dem Weg liegen u.a. die East Side Gallery, das Berghain und die Fotogallerie Friedrichshain (siehe hierzu: Gallerie-Tipp).

Wenn ihr dem Straßenverlauf ein Stück folgt, solltet ihr links in die Revaler Straße einbiegen, die euch direkt zum RAW- Gelände führt.

Berlin Strassenfotografie
Rap Konzert am Bahnhof Frankfurter Allee- typisch für Berlin Friedrichshain.

Auf dem Gelände des früheren Reichsbahnausbesserungswerks sind heute viele Künstler beheimatet. Außerdem befinden sich auf dem riesigen Areal zahlreiche Clubs, Bars und sonstige Vergnügungsstätten. Die Optik ist bestechend: Überall stehe verfallene Backsteingebäude, auf dem Boden laufen Bahnschienen ins leere, alles ist voller Graffiti. Urbane Lebenswelten, wie es sie nur in Berlin gibt. Wenn ihr urbane Kunst wertschätzt, könnt ihr einen Abstecher zur Urban Spree Galerie (siehe hierzu: Gallerie-Tipp) unternehmen, die direkt auf dem Gelände beheimatet ist.

Wenn ihr müde oder durstig seid, müsst ihr das RAW-Gelände nicht verlassen, sondern könnt die Fototour im Cassiopeia Sommergarten bei einem frischen Bier ausklingen lassen.
Ende der Friedrichshain Tour.

Galerie-Tipp Friedrichshain:

Fotogalerie Friedrichshain (Helsingforser Platz 1, 10243 Berlin): Hier findet ihr das ganze Jahr über Fotoausstellungen von internationalen Künstlern.

Urban Spree (Revaler Str. 99, 10245 Berlin): In der Galerie finden monatlich kuratierte Ausstellungen statt, die oftmals auch die Außenräume miteinbeziehen. Ausgestellt werden alle Facetten der urbanen Kultur.

Lichtenberg

Der Bezirk Lichtenberg erstreckt sich vom hippen Friedrichshain bis zur Berliner Stadtgrenze. Hier gibt es für Freunde der Street Photography sowie der urbanen Fotografie viel zu erkunden: Betonwüsten mit einem Hauch Ostalgie, ehemalige Residenzen der Stasi und vom KGB, Villen im Bauhausstil und dörfliche Ansichten. Wenn ihr mehr über den Bezirk erfahren wollt, lohnt sich ein Blick in den Blog, den ich über Lichtenberg verfasst habe.

Beste Tour:

Die Faszination dieses Bezirkes ist seine Vielfalt sowie Weitläufigkeit. Ich nenne an dieser Stelle drei Fixpunkte, die ihr auf die eine oder andere Art ansteuern könnt. Dann heißt es Kamera raus und ein wenig herumschlendern. So entstehen zumindest bei mir die besten Bilder. Eine zusammenhängende Tour, wie in Charlottenburg, Kreuzberg und Friedrichshain bietet sich wegen des Charakters von Lichtenberg meines Erachtens nicht an.

Spot 1: Der Berliner Stadtrand

Streetfotografie wird oftmals mit pulsierenden Stadtvierteln, Menschenmengen und urbanen Lebensräumen in Verbindung gebracht. Nicht zu Unrecht, wenn wir beispielsweise an die klassische Street Photography von Joel Meyerowitz denken. Aber es geht auch anders, wie ein Blick auf den Berliner Stadtrand zeigt. Wenn ihr beispielsweise den Birkholzer Weg (13059 Berlin) ansteuert, werdet ihr euch wundern, noch in Berlin zu sein, so dörflich geht es hier zu. Ihr findet adrette Häuser, bewirtschaftete Felder und Berlins letzten (oder je nach Perspektive ersten) Biergarten.

Fun Fact: Hier haben viele Straßen nur Nummern wie in New York City. Vielleicht ist ja Lichtenberg ein Stück Erde, das auch Joel Meyerowitz gefallen würde.

Im Ergebnis entstehen Fotos mit einem starken dokumentarischen Charakter. Auch das ist urbane Fotografie und es ist durchaus reizvoll einmal andere Schwerpunkte zu setzen.

Spot 2: Plattenbauten

Plattenbauten gibt es viele im Bezirk. In Neu- Hohenschönhausen ist die Dichte besonders hoch. Als Ausgangspunkt für einen Fotowalk kann etwa die Double- X- Bar (Zingster Str. 12, 13051 Berlin) dienen. Die Bar steht im Zentrum einer Großsiedlung, die am 9. Februar 1984 durch Erich Honecker persönlich eingeweiht wurde.

Großsiedlungen wird oftmals der Vorwurf gemacht, sie seien grau, monoton und hässlich, eine Form des Ghettos also. Das mag vielleicht auf den ersten Blick so wirken, desto länger man sich in Neu- Hohenschönhausen aufhält, desto klarer wird aber, dass dies Stereotype sind. Hier wurde viel renoviert, es gibt Kieztreffs, Spielplätze und viele junge Familien. Derzeit ist das „Urbane Zentrum Neu-Hohenschönhausen“ in Planung, welches am Prerower Platz entstehen soll. Ziel ist die Schaffung neuer urbane Räume, um die Lebensqualität nochmals zu steigern.
In Neu- Hohenschönhausen findet ihr also ideale Bedingungen vor, um Streetfotos jenseits der üblichen Berlin Klischees aufzunehmen.

Spot 3: Dong Xuan Center

Wenn es dann doch klassische Straßenfotografie sein soll, empfiehlt sich ein Abstecher zum Dong Xuan Center, Berlins größtem Asiamarkt (Herzbergstraße 128-139, 10365 Berlin). Hier ist es immer laut und lebhaft. Wenn ihr das große Areal mit seinen sechs Markthallen besucht, taucht ihr quasi in eine Parallelwelt ab. Wegen des regen Treibens, findet ihr hier viele Motive für intensive Streetfotos.

Berlin Strassenfotografie
Wer einen exotischen Markt erkunden will muss nicht weit reisen. In Lichtenberg befindet sich das Dong Xuan Center.

Wer keine Lust hat zum Fotografieren hat, kann stattdessen prima Shoppen. Es gibt vor allem Feng-Shui-Katzen und anderen Plunder. Wer mutig ist, kann sich tätowieren oder piercen lassen. Alles in allem ein merkwürdiger Ort oder anders formuliert, eine wunderbare Spielwiese für jeden Streetfotografen.

Galerietipp Lichtenberg:

Museum Lichtenberg (Türrschmidtstraße 24, 10317 Berlin): Das Museum veranschaulicht in seiner Dauerausstellung die Geschichte des Bezirks. Zudem gibt es wechselnde Ausstellungen, die besondere Aspekte des Bezirks herausarbeiten.

Unorte (Regierungsviertel, Friedrichstraße, East Side Gallery)

Tja, wenn ihr in die Suchmaschine eures Vertrauens die Worte „Berlin Tipps Street Photography“ eingebt (oder eine beliebige Variante hiervon), springen euch als erstes SEO- Artikel an, die dem geneigten Leser nahelegen, Fotospots wie die East Side Gallery, die Friedrichstraße oder das Regierungsviertel aufzusuchen. Kurz zum Hintergrund: Die Betreiber dieser Webseiten sind kommerzielle Anbieter, die nicht nur „Top-Tipps“ geben, sondern gleichzeitig ihre Dienste als „Fotocoach“ feilbieten bzw. Workshops verkaufen.

Berlin Strassenfotografie
Ok, hin und wieder sind auch an der East Side Gallery coole Streetfotos möglich. Das ändert aber nichts an meinen grundsätzlichen Vorbehalten gegenüber diesen Tourispots.

Ich kann nur eindringlich davor warnen, sich auf solche Angebote einzulassen bzw. hier interessante Motive zu suchen. Das ist reine Zeit bzw. Geldverschwendung. Es handelt sich um reine Tourispots, an denen gar nichts echt ist. Langweiliger und einfallsloser geht es nicht.