Einführung

Der Hamburger Stadtteil St. Pauli (Alternativ: der Kiez) ist deutschlandweit als Amüsiermeile bekannt. Gleichzeitig ist St. Pauli Heimat und Arbeitsstätte vieler Menschen. Ursprünglich wohnten in St. Pauli hauptsächlich Arbeiterfamilien, aber längst hat die Gentrifizierung auch hier Einzug erhalten und den Stadtteil entsprechend verändert. So oder so ein aufregender Ort für die Straßenfotografie.

Dieser Street Photography Guide ist als Momentaufnahme eines sich stetig weiterentwickelnden Stadtteils zu verstehen und ich beschränke mich auf die Beschreibung der Ecken, die mir besonders am Herzen liegen.

Fototour Hamburg St. Pauli

Tour: S-Bahn Reeperbahn – Reeperbahn – Talstraße – Schmuckstraße – Hamburger Berg – Hein-Hoyer-Straße – Heiligengeistfeld – Hans-Albers-Platz – Gerhardstraße – Querstraße – Park Fiction – Fischmarkt

Beste Uhrzeit: Tag und Nacht. Es ist Geschmackssache, ob ihr die Tour am Tage oder in der Nacht macht, beides hat seine Reize. Als Entscheidungshilfe dienen euch möglicherweise meine beiden Serien über Hamburg-St. Pauli, in denen ich versucht habe, die Unterschiede zwischen Tag und Nacht herauszuarbeiten. Die Serie Nightshift thematisiert die spezielle Atmosphäre der Nacht, während sich die Serie Dayshift auf die Menschen, die auf dem Kiez leben und arbeiten, konzentriert.

Abschnitt 1: Vom Nobistor bis zum Heiligengeistfeld

Beginnen solltet ihr die Tour direkt am S-Bahnhof Reeperbahn. Das ist erstens praktisch und zweitens warten hier bereits die ersten Motive. Egal ob Kiezbewohner oder Nachtschwärmer. Auf dem Bahnsteig finden sich immer wieder interessante Personen, die ein Streetfoto lebendig machen. Ich empfehle, den Bahnhof am Ausgang Nobistor zu verlassen und die Reeperbahn Richtung Heiligengeistfeld entlangzuschlendern. Ein gemütlicher Bummel über die Reeperbahn ist ideal dafür geeignet, um langsam in die Atmosphäre dieses aufregenden Stadtteils einzutauchen.

Hamburg St.Pauli-Street Photography guide
Willkommen auf St. Pauli. Ob Tag oder Nacht- langweilig wird es hier nie.

Zunächst lasst ihr die recht bekannte Große Freiheit linker Hand liegen. Die Straße ist keinen Blick wert, da dort heute nur noch billige Touri-Lokale vorhanden sind. Wenn ihr etwas weiterlauft, findet sich linker Hand neben einer Dönerbude ein kleiner Hinterhof, in dem sich die alte Kiezkneipe Zur Ritze (Reeperbahn 140) befindet. Auch wenn sich um die Ritze viele Legenden ranken, lohnt ein Besuch nur sehr bedingt. Die Kneipe findet in zahlreichen Reiseführern Erwähnung – entsprechend touristisch ist das Publikum. Ein schönes Motiv gibt die Ritze aber immer noch ab. Das Gemälde an der Fassade stammt vom bekannten Kiez-Künstler Erwin Ross.

Ein Stück weiter befindet sich die Talstraße. Ich rege an, hier abzubiegen. In der Talstraße befinden sich nicht nur viele Bars und Kneipen, sondern auch der Deniz Imbiss.

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Das unspektakuläre Äußere setzt sich im Inneren fort. Dafür ist das Essen grandios.

(Sidekick 1): Deniz Imbiss
Ich habe den kleinen unspektakulären türkischen Imbiss noch nie geschlossen gesehen. Hier wird auch spät nachts die türkische Pizza frisch zubereitet. Wenn euch der Hunger überfällt, solltet ihr unbedingt hier einkehren.

Deniz Imbiss: Talstraße 27, 20359 Hamburg

Etwas später stoßt ihr auf die berühmte Schmuckstraße. Das Haus Nummer 5 ist ein bordellartiger Betrieb, in dem Transsexuelle aus Südamerika ihre Dienste anbieten. Das Gebäude ist stark heruntergekommen und wird daher etwas ironisch die Villa genannt und der Betrieb als solcher wird seit Jahrzehnten von der Polizei geduldet. Die Taverne (früher auch Bar Donatella, Schmuckstraße 7) ist gleich nebenan gelegen. Die verranzte Kneipe ist ein Stück Kiezgeschichte. Hier verkehren viele Transen und Kunden auf der Suche nach einem Abenteuer. Man kann hier aber auch ganz entspannt ein kaltes Astra-Bier trinken, ohne groß belästigt zu werden.

Nach einem kurzen Schlenker über die Simon-von-Utrecht-Straße solltet ihr rechts in den Hamburger Berg einbiegen, eine Straße voller bekannter Kiez-Kneipen. Die meisten von ihnen sind garantiert tourifrei. Hier gibt es weder Eventkultur noch Gentrifizierung. Am bekanntesten ist wohl der Goldene Handschuh (Hamburger Berg 2).

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Der Goldene Handschuh öffnet um 4 Uhr morgens. Wann er wohl schließt?

Die Kneipe ist Gegenstand vieler Beobachtungen und hat auch Einzug in die (Pop-)Literatur gehalten. So steht der Goldene Handschuh im Mittelpunkt von Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“. Der Elbschlosskeller (Hamburger Berg 38) ist 7 Tage die Woche 24 Stunden geöffnet. Fun Fact: Gerüchteweise wurden während des coronabedingten Lockdowns 2020 erstmalig funktionsfähige Türschlösser verbaut, damit die behördlich angeordnete Schließung gewährleistet werden konnte. Die Kiezkneipe ist im Souterrain gelegen und Anlaufpunkt vieler gestrandeter Menschen. Die Kneipe ist Gegenstand einer NDR-Dokumentation („Hamburgs härteste Kneipe – Wo die Nacht nie endet“) und einer Fotoserie von Paul Krenkler. Durch den regen Publikumsverkehr auf der Straße ergeben sich immer wieder interessante Momente für Streetfotos.

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Der Elbschlosskeller: Hart oder herzlich? Das müsst ihr selber herausfinden. Am besten bei einem kalten Astra.

Der Hamburger Berg mündet direkt auf die Reeperbahn. Ihr solltet nun links abbiegen und bis zur Hein-Hoyer-Straße laufen. Hier befindet eines der letzten verbliebenen SB-Waschcenter auf St. Pauli (Hein-Hoyer-Straße 12). Der Waschsalon ist weit davon entfernt, hip zu sein – hier gibt es weder Verköstigungen noch WLAN oder gar einen Flipper, wie noch zu früheren Zeiten. Hier waschen die Anwohner St. Paulis einfach nur ihre Wäsche. Vielleicht macht das ja auch den Charme aus.

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Das letzte Waschcenter auf dem Kiez. Die Konkurrenz ist der Gentrifizierung zum Opfer gefallen.

Zurück auf der Reeperbahn solltet ihr nun bis zur U-Bahn St. Pauli laufen. Dort angekommen befindet ihr euch an der äußeren Grenze des Kiezes. Lohnenswert ist eine Erkundung des Heiligengeistfelds, das direkt neben der U-Bahn-Station liegt. Auf dem weitläufigen Platz findet dreimal pro Jahr der Hamburger DOM (vulgo: Rummel, Kirch-, Volksfest) statt. Interessante Streetfotos lassen sich meiner Meinung nach vor allem an den Tagen, an denen der DOM auf- oder abgebaut wird, aufnehmen. Durch das geschäftige Treiben ergeben sich stets schöne Situationen jenseits vom Mainstream.

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Kein Lost Place: Der DOM einen Tag vor dem offiziellen Beginn (© Stephan Spiegelberg).

Unmittelbar neben dem Heiligengeistfeld steht das Stadion des FC St. Pauli. Vielleicht habt ihr ja Glück und es läuft während eures Aufenthaltes ein Heimspiel, dann ist das Geschehen rund um das Heiligengeistfeld besonders wild. Auf der anderen Seite des Platzes steht der St. Pauli Bunker.

(Sidekick 2): St. Pauli Bunker
Das graue hässliche Gebäude (mittlerweile mit etwas Grün auf dem Dach dezent aufgehübscht) liegt am Ende des Heiligengeistfelds und ist rund 40 Meter hoch. Das denkmalgeschützte Gebäude ist ein ehemaliger Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg („Flakbunker IV“) und beherbergt viele Unternehmen der Kreativszene.

St. Pauli Bunker: Feldstraße, 20359 Hamburg

Abschnitt 2: Vom Heiligengeistfeld bis zur Hafenkante

Zurück auf der Reeperbahn geht es nun auf der gegenüberliegenden Straßenseite zurück Richtung Nobistor. Nach einiger Zeit findet ihr auf der linken Seite die Davidstraße. Wenn ihr hier einbiegt, empfiehlt es sich, gleich wieder rechts in die Friedrichstraße abzubiegen. Die Straße mündet nämlich auf dem Hans-Albers-Platz, wo es einiges zu entdecken gibt.

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Auch am Tage recht belebt: Der Hans-Albers-Platz.

Auf dem Platz findet – wie auch in anderen Teilen von St. Pauli – offen Straßenprostitution statt. Aber es gibt auch viele Bars wie das Hans-Albers-Eck. Auch wenn die meisten Lokale rund um den Hans-Albers-Platz recht touristisch sind, ergeben sich durch die Größe des Platzes und die vielen Menschen, die ihn überqueren, immer wieder Momente für reizvolle Streetfotos.

Von dem Hans-Albers-Platz geht unter anderen die Gerhardstraße ab. Es lohnt sich durchaus, diese Straße einmal hoch und runter zu laufen, denn hier befinden sich einige typische Kiezkneipen wie der Reitclub. Von der Gerhardstraße geht auch die berühmte Herbertstraße ab. In der Herbertstraße bieten Prostituierte ihre Dienste an. Der Zutritt ist nur Männern gestattet.

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Ob alt oder jung: Die Herbertstraße zieht viele Männer an.

Auf der anderen Seite des Hans-Albers-Platzes ist die Querstraße gelegen. In dieser kleinen Straße befindet sich eine weitere Skurrilität. Das Alt Hamburg ist Kneipe und Hotel zugleich.

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Im Alt Hamburg findet ihr Seemannsgarn, kaltes Bier und warme Betten.

(Sidekick 3): Alt Hamburg
Ich empfehle, hier eine Pause einzulegen und ein Schwätzchen mit der Tresenkraft zu führen. Hier werdet ihr viel über den Kiez lernen. Wer noch kein Hotel hat, kann ein Stockwerk höher spontan Quartier beziehen.

Alt Hamburg: Querstraße 1, 20359 Hamburg

Am Ende der Querstraße befindet sich der Silbersack (Silbersackstraße 9). Die Kneipe ist eine echte Kiez-Institution und ist immer gut besucht. Selbst bei typisch Hamburger Schmuddelwetter macht die Kaschemme was her.

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Späti trifft Kneipe. Auf dem Kiez wird jeder fündig.

Wenn ihr die Silbersackstraße links einbiegt, steuert ihr langsam den Hafen an. Aus der Silbersackstraße wird die Balduinstraße. Auf dem Weg zur Hafenkante werdet ihr linker Hand das Nordlicht (Balduinstraße 28) passieren, eine weitere eher rustikale Kiezkneipe mit interessanter Kacheloptik. Die Balduinstraße mündet in die Bernhard-Nocht-Straße. Hier stoßt ihr sogleich auf die Punkkneipe Onkel Otto (Bernhard-Nocht-Straße 16). In der Gegend um das Onkel Otto werden Freunde der Street Art noch am ehesten fündig. An den Häusern rund um das Onkel Otto findet ihr viele Graffitis und Wandbilder.

Wenn ihr die Bernhard-Nocht-Straße rechts abbiegt, erreicht ihr nach kurzer Zeit den Park Fiction. Der auch bei Hamburgern sehr beliebte Park Fiction hat einiges zu bieten: die größten Palmen Hamburgs, einen Basketballplatz, eine schöne Liegewiese und natürlich eine großartige Aussicht auf den Hamburger Hafen. Es ist fast schon unmöglich, von hier kein gelungenes Foto mitzunehmen.

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In Hamburg gibt es Palmen- und ein grandioses Hafenpanorama.

Außerdem könnt ihr am Park Fiction wunderbar eine entspannte Pause einlegen. Einfach mal die Füße hochlegen und den Blick schweifen lassen.

Nach ein wenig Entspannung müsst ihr nun ein wenig Treppen steigen (am besten zurück zum Onkel Otto und die Balduintreppe runter). Auf diesem Wege gelangt ihr zur Straße Hamburger Fischmarkt. Dort rechts abbiegen und ein Stückchen laufen und ihr befindet euch in der Großen Elbstraße. Hier ist der eigentliche Hamburger Fischmarkt gelegen. Dieser ist sonntags ab 05:00 Uhr (im Sommer) bzw. ab 07:00 Uhr (im Winter) geöffnet. Wem das zu früh ist, kann gerne auch abends kommen, da an der Großen Elbstraße viele Bars und Kneipen beheimatet sind.

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Hamburg Hafenkante. Hier findet ihr viel mehr als nur Fische und Aale.

Außerdem seid ihr nun direkt am Wasser. Mehr Hafenkante geht nicht. Ich rate dazu, euch einfach ein bisschen treiben zu lassen. So nah an der Elbe lässt sich der Hafen wunderbar in Streetfotos einbauen.

(Sidekick 4): Hafenfähre
Wer noch Energie hat oder einfach nur zurück in sein Hotel möchte, kann vom Fischmarkt aus eine HADAG-Fähre nehmen. Diese hält beispielsweise direkt an der Hafencity. Diese Fähren sind Teil des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV). Eure Tageskarten besitzen hier also Gültigkeit.

Ende der Tour.

Sonstige Links

▶ Gallerie Affenfaust, Paul-Roosen-Straße 43, 22767 Hamburg

https://affenfaustgalerie.de

▶ Mehr Informationen zum St. Pauli Bunker

https://www.bunker-stpauli.de

▶ Stephan Spiegelberg hat das schöne Bild vom Hamburger DOM beigesteuert und betreibt einen Blog zu fotografischen Themen.

https://www.spiegelberg.org

▶ Paul Krenkler hat viele beeindruckende Serien über Hamburg St. Pauli fotografiert.

https://krenkler.eu