Die Fotos dieser Serie sind im New York der 90er Jahre entstanden. Damals musste man nur seine Kamera heben und wusste gar nicht, was man als nächstes fotografieren sollte. Alte Keith-Haring-Wandbilder, wildes Graffiti auf U-Bahnen und LKWs, rauchende Gullis, verrückte Leute, zahllose Delis und die lebendige Schäbigkeit der 42nd Street. Das World Trade Center stand noch, die Autos waren groß und eckig und die Gentrifizierung von Brooklyn hatte noch nicht begonnen.


Ich war 1994 kurz nach dem bestandenen Abi mit zwei Freunden in New York. Wir schliefen in einem Hostel und waren so dämlich im Juli nach New York zu reisen. Erst vor Ort haben wir realisiert, dass New York im Sommer unerträglich heiß ist. Daher schliefen wir (wenn es überhaupt dazu kam) nachts immer mit geöffneten Fenster und erfuhren auf diese Weise, dass New York tatsächlich die Stadt ist, die niemals schläft. Der Sound von New York dröhnt mir noch heute in den Ohren, wenn ich an diese Zeit zurückdenke. Die ganze Nacht vernahmen wir Sirenen von Polizeiautos und Krankenwagen, wie wir sie bis dahin nur aus amerikanischen Serien kannten. Bis spät in die Nacht rasten die indischen Taxifahrer mit ihren großen Limousinen hupend durch die Stadt. Man konnte jede Nacht in einen anderen Club gehen, der Wochentag war vollkommen egal. Die wildesten Partys der Stadt fanden in einer ausrangierten Kirche statt. Wahnsinn!

In dieser Zeit hatte ich zwar andere Prioritäten als die Fotografie, trotzdem nahm ich damals meine ersten Streetfotos auf. Allerdings wusste ich zu dieser Zeit noch gar nicht, dass es so etwas wie Street Photography überhaupt gibt. Ich habe einfach das fotografiert was mich interessiert. So ist es bis heute geblieben. Streetfotos müssen keine Geschichten erzählen, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Gute Street Photography soll das Interesse des Betrachters wecken und ein Einblick in eine Subkultur, eine Stadt oder einen Bezirk ermöglichen. Mit guten Streetfotos verhält es sich wie mit gutem Weinen: sie werden mit den Jahren immer besser. Was heute banal wirkt, hat 20 Jahre später dokumentarischen Charakter und zeigt der nächsten Generation wie es damals war.

In diesem Sinne zeige ich an dieser Stelle ausgewählte Bilder aus dieser verrückten Zeit. Alle Fotos wurden mit einer analogen Yashica Spiegelreflexkamera aufgenommen.