Das Nachtleben von Hamburg St. Pauli wurde schon oft besungen. Aber wie sieht es dort tagsüber aus, wenn die Nachtschwärmer verschwunden sind? Wer wohnt und arbeitet auf dem „Kiez“? 

Mir kommt das Leben in St. Pauli manchmal wie ein Kreislauf vor: Am Abend kommen die Touristen, in der Nacht die Hamburger Partygänger und wenn morgens der Müll beiseitegeschoben wird, gehört der Kiez bis zum nächsten Abend wieder seinen Bewohnern.

Ich bin seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder auf St. Pauli unterwegs gewesen und habe mich abweichend von den üblichen Gepflogenheiten auch gerne am Tage auf dem Kiez herumgetrieben. Rückblickend bin ich mir nicht sicher, ob es klug war, so viel Zeit in Flipperhallen zu verbringen, aber dieser Ort übt nun einmal eine schwererklärliche Anziehungskraft auf mich aus. Wenn ich nicht in Spielhallen war, um zu flippern, zog ich durch die Nebenstraßen der Reeperbahn und beobachtete die Menschen, die hier ihr normales Leben führen.

Hamburg St. Pauli Street Photography
Auf St. Pauli kann man auch wohnen- folglich ist der tägliche Einkauf unerlässlich.

Dies alles durchaus aus der Perspektive des Voyeurs, da ich zwar aus Hamburg stamme, aber doch in einem gänzlich anderen Umfeld großgeworden bin. Aufgewachsen bin ich in Othmarschen, einem Stadtteil in dem fast nur Einzelhäuser stehen. Kneipen? Ja, eine auf dem S- Bahnsteig. Praktischerweise beförderte die S-Bahn das geneigte Publikum in nur 11 Minuten Mitten auf den Kiez. Und schon ist man mittendrin in der Parallelwelt. Nachts fallen diese Unterschiede nicht besonders ins Gewicht, weil da ganz Hamburg auf den Kiez strömt, aber am Tage treten die Gegensätze zu dem gewohnten Umfeld deutlich hervor.

Hamburg St. Pauli Street Photography
Viele Kiezkneipen schließen nie. Warum auch?

Den Menschen denen ich tagsüber begegnete, egal ob jung oder alt, hatten alternative Lebensentwürfe, andere schienen gar keine zu haben. Es ließen sich Kneipen und Bars ansteuern, die scheinbar nie schlossen. Die einen spielten harten Technosound, andere Hans Albers. Oftmals malte ich mir mit meinen Freunden aus, dass wir an einen Tag in jeder Kneipe St. Paulis zumindest ein Bier trinken wollten, wir schafften aber nie mehr als einen Straßenzug. Im Sommer gab es schon am Tage Techno Partys unter freiem Himmel, wo heute der Park Fiction beheimatet ist. Es gab Vinyl zu kaufen, das es nur hier gab und viele Boutiquen boten clubtaugliche Mode jenseits von H&M an. Die Möglichkeiten schienen endlos.

In all den Jahren, in denen ich über St- Pauli streife, hat sich nach meiner Wahrnehmung gar nicht so viel verändert, zumindest nicht was das Kiezleben am Tage betrifft. Man kann in St. Pauli immer noch seine dreckige Wäsche in Waschcentern reinigen- nur das flippern geht heute nicht mehr, da bedauerlicherweise der geniale Star Treck Flipper abgebaut wurde.

Hamburg St. pauli Street Photography
Damals konnte in St. Paulis Waschcentern tatsächlich geflippert werden.

Kinder werden zur Schule gebracht, Lieferanten beliefern Kneipen und Kioske und die Wirte bedienen ihre Stammgäste, ebenso, wie die jungen Leute, die rund um die Kiez Kneipe „Onkel Otto“ leichte Drogen feilbieten. In der Silbersackstraße lässt nach wie vor schmackhaftes Brot kaufen und wenn ich weiter zum Hans-Albers-Platz laufe, wette ich mit mir selber, dass im „Alt-Hamburg“ mehr Umsatz mit dem Ausschank von Bier, als mit der Übernachtung von Gästen erwirtschaftet wird. In der Schmuckstraße habe ich mich damals noch erschreckt, heute freue ich mich, dass ein Stück alter Kiez überlebt hat.

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So sah die Schmuckstraße in den 90er Jahren aus. Viel verändert hat sich bis heute nicht.

Natürlich hat die Gentrifizierung vor St. Pauli nicht Halt gemacht und viele liebgewonnene Dinge sind verschwunden. Das Astra Bier wird nicht mehr auf dem Kiez gebraut, im Blauen Peter No. IV (kein Mensch weiß wo die Teile I- III gelegen sind) laufen Schlager statt Seemannslieder und die kommerzielle Verspaßung scheint vor allem abends immer neue Höhen zu erklimmen. Andererseits wurde bereits in den 90er Jahren über die neuen Unterhaltungsformate gemeckert. Veränderung gehört zur Großstadt dazu. Nicht nur im Hamburg.
Geblieben sind viele schöne Dinge, wie das Hafenpanorama, an dem ich mich wohl nie ganz satt sehen werde. St. Pauli ist immer noch der Ort, der viele junge Menschen anzieht. Ständig entstehen neue Dinge. Der Stadtteil scheint nie zu schlafen.

Es macht viel Spaß am Tage durch St. Pauli zu bummeln. Alles ist unangestrengt und die Beobachtungen sind gänzlich andere, als in der Nacht. Derselbe Ort ganz anders.

Weiterführende Links:

▶ Wenn ihr auch einmal die Straßen von Hamburg St. Pauli erkunden wollt:

St. Pauli Street Photography Guide

▶ Ein aktueller Artikel über die coronabedingten Entwicklungen auf dem Kiez:

Der ganze Kiez geht den Bach runter